Berlin, Dezember 1944
36grad_Dezember_20_1Noch im letzten Kriegswinter richtete die SS am Potsdamer Platz eine Weihnachtsfeier aus. Draußen verkündeten Fliegerbomben die unausweichliche Niederlage, im Festsaal beschwor das Volk bei Likör und Keksen unbeirrt den Endsieg. Ein Offizier machte einer eleganten jungen Dame schöne Augen, die in Begleitung ihrer Mutter war. Als er darum bat, sie nach Hause begleiten zu dürfen, stockte ihr Atem. Bevor sie etwas sagen konnte, trat die Mutter hinzu und wies den Mann höflich zurück. Nie wäre dem Offizier in den Sinn gekommen, dass er einer untergetauchten Jüdin hinterher sah, die sich auf der Feier aufgewärmt hatte.

Ellen Lewinsky konnte sich über zweieinhalb Jahre erfolgreich vor der nationalsozialistischen Verfolgung verstecken. Gemeinsam mit ihrer Mutter, ihrem Freund Erich Arndt und dessen Familie tauchte sie im Januar 1943 unter. Später stieß Bruno Gumpel zu ihnen.
Die Sieben verbrachten die meiste Zeit in wechselnden Verstecken in Kreuzberg. Auch ihr wichtigster Helfer, Max Köhler, war aus der Nachbarschaft. Erich und Ruth wuchsen in der Skalitzer Str. 2 auf. Ihr Vater hatte eine gut gehende Arztpraxis im Kiez, bis ihm die Behandlung von „Ariern“ 1938 verboten wurde. 36grad_Dezember_21_1

In Kreuzberg wohnten Anfang des Jahrhunderts viele Juden. Ihre Bekleidungs- und Schuhgeschäfte, Tanzlokale und Krämerläden machten bis in die 30er Jahre die Oranienstraße zur beliebtesten Einkaufsmeile östlich des Kurfürstendamms. Heute erinnern nur die Stolpersteine daran, dass sie hier gelebt haben. Das nationalsozialistische Regime brauchte sechs Jahre, um allen jüdischen Inhaber_innen ihre Geschäfte wegzunehmen. Auf die Geschäfte folgten die Wohnungen. 1939 mussten alle Kreuzberger Jüdinnen und Juden in ausgesuchte „Judenhäuser“ umziehen. So wurde systematisch ihre Deportation vorbereitet. Zwischen 1942 und 1945 wurden über 1.300 jüdische Kreuzberger_innen in die Konzentrations- und Vernichtungslager im Osten deportiert und dort fast ausnahmslos ermordet.
Die Arndts bewohnten eine Zwei-Zimmer-Wohnung im fünfstöckigen „Judenhaus“ in der Oranienstr. 206, bevor sie untertauchten. Der Bau wurde nach dem Krieg abgerissen. Auf dem Grundstück werden heute im Pavillon vom Hühnerhaus Tavukcu Hähnchen gegrillt. Erich, Ruth und Ellen leisteten Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie. Als unter den Arbeitern Gerüchte über die bevorstehende „Fabrikaktion“ laut wurden, entschlossen sie sich zu handeln. Viele ihrer Freunde und Verwandten waren bereits abgeholt worden. Keiner der drei wusste zu diesem Zeitpunkt, was in Auschwitz wirklich geschah, aber sie hatten von niemandem ein Lebenszeichen erhalten. Im Dezember 1942 begannen sie mit den Vorbereitungen. Neben sicheren Schlafplätzen brauchte man Lebensmittelkarten und Arbeit. Durch seine Kontakte zu ehemaligen Patienten lernte Dr. Arndt Max Köhler kennen, der in der Oranienstr. 20 eine Fabrik  für Farbspritzpistolen führte. Im Hinterhof des heutigen Fahrradladen „Zentralrad“ beschäftigte er Erich unter falschem Namen, als sich zuletzt die Situation immer mehr zuspitze, hielt er sechs der sieben Untergetauchten dort versteckt. Dass eine Gruppe von sieben Menschen geschlossen überlebt, hat ist einzigartig. Weniger als ein Viertel von 4-6.000 untergetauchten Berliner Juden hat das geschafft. Viele wurden verraten, viele verloren irgendwann die Hoffnung.
Die Sieben erfuhren Hilfe von über 50 Personen. Mindestens ebenso viele wurden zu stillen Mitwissern. 36grad_Dezember_22_1Am meisten be-eindrucken aber ihr Mut und Einfallsreichtum. So konnten Ellen und Ruth sich einige Monate lang bei einer begei-sterten Anhängerin der Nazis verstecken, weil die alte Frau glaubte, die beiden seien Geheimagentinnen im Auftrag Hitlers.
Als Berlin vor der Kapitulation stand und alle Männer von der Straße weg zum Volkssturm eingezogen wurden, verwandelten sie Erich mit Schminke und Schleier in eine Kriegswitwe. Das Leben im Untergrund forderte jeden Tag ein Höchstmaß an Disziplin und Wachsamkeit. Die Angst war ein ständiger Begleiter, neben den Häschern bedrohten Hunger, Kälte und Bombenangriffe ihr Leben. Erich, Ellen, Ruth und Bruno erinnern sich, dass ihr Zusammenhalt sie überleben ließ.
1946 feierten sie Doppelhochzeit in der Synagoge am Fraenkelufer, kurze Zeit später verließen sie Berlin mit dem ersten Schiff in die USA.
Barbara Lovenheim hat ihre Geschichte aufgeschrieben. Die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus hat sich im Rahmen des vom Leo Baeck Programm geförderten Projekts „Jüdisches Leben in Kreuzberg“ mit Familie Arndt beschäftigt, einen Projekttag und eine Wanderausstellung für Schulen entwickelt.

Nina Dietzel

Mehr Informationen und herzlichen Dank an:
KIGA Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus.
www.kiga-berlin.org
Barbara Lovenheim: Überleben im Verborgenen. Sieben Juden in Berlin. Siedler Berlin 2002.

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Bei Voo-Doo

36grad_Oktober_14Willi Pape: Artistin. So stand es im Berliner Telefonbuch 1933, als er in der Skalitzer Str. 7 angemeldet war. Willi Pape war dort der Gastgeber des seit 1928 legendären Lokales mit dem Namen ‘Skalitzer Str. 7’, welche von seinen Besucher_innen liebevoll auch „Bei Voo-Doo“ genannt wurde.
Voo-Doo war eine bekannte deutsche Tänzerin, die sowohl in ganz Deutschland, als auch in Zürich, Prag, Wien oder Paris in der Zeit zwischen 1917 und 1928 aufgetreten ist. Doch sieben Jahre zuvor, vor dem Beginn ihrer Karriere, hatte Voo-Doo versucht Selbstmord zu  begehen. Im Krankenhaus, wo sie hingebracht wurde, hatte man festgestellt, dass Voo-Doo ein junger Mann war. Der Grund für diesen versuchten Suizid war, dass Willi Pape’s Eltern ihm verboten hatten Frauenkleidung zu tragen.
Der Arzt und Sexualforscher, Magnus Hirschfeld selbst, der 1919 das Institut für Sexualwissenschaft in Berlin gründete, erklärte  den Eltern  das Phänomen des Transvestismus. Letztendlich konnte Willi Pape seinen Traum erfüllen Tänzerin zu werden. Doch Voo-Doo war nicht nur als Tänzerin begabt, sondern auch als Malerin. Eine der Zeichnungen, die Voo-Doo zugeschrieben werden, ist im Archiv vom Kreuzberg Museum zu besichtigen.
36grad_Oktober_15Bemerkenswert ist, obwohl Magnus Hirschfeld viel über das Leben seiner Patient_innen schrieb und dokumentierte, dass er nie Voo-Doo in seinen Schriften erwähnte. Allerdings hatte Hirschfeld sich erlaubt, nur die Fotografien von Voo-Doo, aber nie ihre Lebensgeschichte zu veröffentlichen, Außerdem stellte sich Voo-Doo als Künstlerin vor. Anscheinend  hat sie darauf bestanden, nicht als Transvestit oder als irgendeine Transgender-Identität wahrgenommen zu werden. Nach Frau Köppens Erinnerung, einer guten Freundin, wurde Voo-Doo normalerweise als ‘er’ angesprochen, obwohl es sein könnte, dass Voo-Doo sich selbst als Frau angesehen hatte.
Trotz ihrer internationalen Erfolge trat sie kaum auf der Bühne in Berlin auf. Man kann nur vermuten, warum so eine Persönlichkeit wie sie so unbekannt in ihrer eigenen Stadt geblieben war. Einige der Gründe für den Verzicht auf eine Karriere in Berlin könnte die große Konkurrenz in der Stadt oder aber die Rücksicht auf die Familie gewesen sein.
Gleichwohl, war Voo-Doo Mitglied der “Internationalen Artisten – Loge” und wurde außerdem, in einer Jubiläumsschrift, als eine der berühmtesten und wichtigsten Mitglieder genannt.
Letztendlich war Voo-Doo in der Zeit, als sie Tänzerin war, nie in homosexuellen Kneipen oder Ballsälen in Berlin zu sehen. Dennoch eröffnete sie 1928 zusammen mit ihrem Liebhaber und Impresario Emil Schmidt in der Skalitzer Str. 7 ihr eigenes Lokal.
Es war eines der führenden homo-sexuellen Lokale Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre und wurde von vielen Gästen außerhalb Deutschlands besucht. Schriftsteller wie Louis-Charles Royer und Christopher Isherwood haben jeweils das Lokal in ihren Schriften erwähnt. Skalitzer Str. 7 wurde gleich zum Wahrzeichen sowohl der Kreuzberger Schwulenszene als auch der Stadt Berlin.
Auffallend ist, dass das Kreuzberg der 20er und 30er Jahre, wie auch heute eine Ziel für viele nicht-heterosexuelle Besucher aus ganz Europa war. Es ist damit nicht verwunderlich, dass der Satz ‚Was Mont Martre für Paris und St. Pauli für Hamburg, das ist Skalitzer Str. 7 für Berlin‘ das Motto des Lokals geworden ist.
Das Lokal wurde 1933 geschlossen aufgrund der Verschärfung des §175 Strafgesetzbuch (welcher mit Änderungen bis 1994 gültig geblieben ist).
Nach Angaben von Frau Koeppen hat Willi Pape die Kriegszeiten überlebt. Von seinem weiteren Schicksal ist aber nichts mehr bekannt.

Die Geschichte von Voo-Doo / Willi Pape wurde ausführlich im Ausstellungskatalog “Von anderen Ufern: Geschichte der Berliner Lesben und Schwulen in Kreuzberg und Friedrichshain” recherchiert. Die Ausstellung wurde 2003 von Jens Dobler kuratiert und im Kreuzberg Friedrichshain Bezirk Museum präsentiert. Das Buch ist beim Kreuzberg Museum verfügbar.

Herzlichen Dank für die freundliche Unterstützung an das Bezirksmuseum Friedrichshain-Kreuzberg


Riccardo Zito und Elsa de Seynes

 
„Erinnerung an Schwarze deutsche Geschichte – Dekolonisierung Berliner Straßennamen“
Gröbenufer wird zu May-Ayim-Ufer

Ab Herbst diesen Jahres wird es in Berlin einen neuen Straßennamen geben – das May-Ayim-Ufer an der Oberbaumbrücke. Es ist die erste Straße in Berlin, die eine postkoloniale Perspektive auf die deutsche Kolonialgeschichte eröffnet. Die Straße, die z.Z. noch als „Gröbenufer“ bezeichnet wird, wird den Namen der Berliner afro-deutschen Feministin, Erziehungswissenschaftlerin und international bekannten Dichterin May Ayim tragen, die in den 1980er Jahren in Kreuzberg lebte und arbeitete. Was ist der Hintergrund dieser Umbenennung? Die Straße wurde 1895, also zur Zeit der aktiven deutschen Kolonialpolitik, nach Otto Friedrich von der Gröben benannt, um diesen als „ersten Brandenburgischen Colonial-Gouverneurs, des Erbauers der Feste Gross-Friedrichsburg an der Küste von Guinea“ (so die Begründung in dem Schreiben des Ministers, der die Umbenennung gefordert hat 1 zu verehren. Dieser war über 200 Jahre vorher 1682 als Befehlshaber von zwei Fregatten im Auftrag des Kurfürsten an die Westküste des heutigen Ghana aufgebrochen. Da die Schiffe bereits 2000 eiserne Fußfesseln an Bord hatten, kann dieser Moment als Einstieg Brandenburg-Preußens in den transatlantischen Sklav_innenhandel gelten. Ziel war es, eine Handelsfestung zu etablieren, von der in den folgenden 33 Jahren zehntausende Menschen verschleppt wurden. Gröben fuhr bei dieser ersten Fahrt mit einer Fregatte nach Europa zurück, während die zweite Fregatte 300 versklavte Afrikaner_innen zu den westindischen Inseln über den Atlantik deportierte. Es gab zu jeder Zeit auch Widerstand gegen die Kolonialist_innen und Sklav_innenhändler_innen. Die Umbenennungsinitiative hat sich für eine Perspektive des Widerstands gegen Rassismus entschieden. May Ayim schrieb als eine der ersten Autor_innen eine afrodeutsche Geschichte, die bis ins 12. Jahrhundert zurück geht, und verknüpfte diese mit deutscher Kolonialgeschichte. Mit dem Begriff „koloniales Erbe“ beschrieb sie die über das formale Ende der Kolonialzeit hinaus reichenden Auswirkungen kolonialer Ordnungen, die sich auch im Rassismus der gegenwärtigen Gesellschaft ausdrücken. Ihre Schriften und Gedichte sind intensive Auseinandersetzungen mit dem Rassismus der deutschen Gesellschaft aus Schwarzer feministischer Perspektive (siehe Gedicht nächste Seite „grenzenlos und unverschämt“). Sie war eine international bekannte Aktivistin der feministischen und afro-deutschen Bewegung, nach der auch der erste Schwarze deutsche internationale Literaturpreis benannt wurde. Letztes Jahr wurde in der BVV Kreuzberg-Friedrichshain der Antrag zur Umbenennung des Gröben-Ufers in May-Ayim-Ufer eingereicht, dem längere Kämpfe um antirassistische Erinnerungsperspektiven auf koloniale Verbrechen vorausgingen. Nach einem langen zähen Verfahren durch verschiedene Gremien der BVV wurde am 27.05.2009 durch das bestehende Mehrheitsverhältnis von Grünen und Linken die Umbenennung beschlossen. Die Fraktionen der CDU, FDP und auch einige Abgeordnete der SPD waren dagegen. In den vorhergehenden Diskussionen und der abschließenden Sitzung klagte die CDU über Rufschädigung von der Gröbens und nahm seine Taten in Schutz, indem sie argumentierte, dass die Benennung dem „Geist der Zeit“ entsprach. Der von der CDU ironisch gemeinte Vorschlag, auch den Kurfürstendamm umzubenennen, wurde von dem Publikum, das die Erinnerungskämpfe z.T. schon länger führt, mit Applaus begrüßt. Auch der Versuch, May Ayim als neue Namensgeberin abzuwehren, indem ihr „Kreuzbergbezug“, den von der Gröben selbstverständlich auch nicht hatte, und ihre akademischen Abschlüsse in Zweifel gezogen wurden, blieb vergeblich. So wird die Umbenennung vermutlich im Oktober stattfinden. Die Umbenennung vollzieht einen Pers-pektivwechsel, der die Erinnerung an deutschen Kolonialismus aus der Pers-pektive der Kämpfe dagegen sichtbar macht. Neben der Umbenennung wird es eine permanente Tafel in der Straße geben, die auf den alten Namen und dessen kolonialen Entstehungskontext verweist und gleichzeitig mit der Vorstellung der Persönlichkeit May Ayims diese Perspektivumkehr formuliert.
Das Gröbenufer ist nicht die einzige Straße in Berlin, die das Gedenken an den deutschen Kolonialismus feiert. Seit vielen Jahren gibt es verschiedene Initiativen, um die rassistische und Kolonialverbrechen verherrlichende Straßennamen, wie die M-Straße 2 in Mitte oder die Wissmannstraße in Neuköln, endlich umzubenennen. Aus Schwarzer deutscher und afrikanischer Perspektive sowie aus verschieden anderen kritischen Perspektiven werden diese Umbenennungen gefordert. Das May-Ayim-Ufer in Kreuzberg ist ein guter Anfang, den vielen Perspektiven der Berliner_innen gerecht zu werden.

Schaschy Janet Keim, Noemi Yoko Molitor, Ulrike Hamann

Zum Weiterlesen:
Oguntoye, Katharina, Ayim (Opitz), May, Schultz, Dagmar (Hg.). 1986.
Farbe bekennen: Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte, Berlin : Orlanda Frauenverlag

May Ayim
Grenzenlos und unverschämt
Berlin: Orlanda Verlag 1997
http://m-strasse.de/resistance

http://africavenir.com/news/2008/ 12/2224/dossier-strasennamen-mit-bezugen-zum-kolonialismus-in-berlin

1 Quelle: GSTA I HA Rep. 89 Nr. 14456 Bl. 191 - 196
2 Die so genannte „Mohrenstraße“.
 
“grenzenlos und unverschämt”

ich werde trotzdem
afrikanisch sein auch wenn ihr
mich gerne deutsch
haben wollt
und werde trotzdem deutsch sein
auch wenn euch
meine schwärze nicht passt
ich werde
noch einen schritt weitergehen
bis an den äußersten rand
wo meine schwestern sind

wo meine brüder stehen
wo unsere
FREIHEIT
beginnt
ich werde
noch einen schritt weitergehen und
noch einen schritt weiter
und wiederkehren
wann ich will
wenn ich will
grenzenlos und unverschämt bleiben

May Ayim 1990 (Blues in schwarz weiß)
Orlanda Verlag:

 
 » Hurray, Hurray! The first of May – outdoor screwing starts today «,

... weiss die irische Tradition und feiert das Maifest. Die Ursprünge dieses Fests wurzeln im keltischen Beltanefest, das dem römischen Floralisfest ähnelte: bei beiden Bräuchen ging es um den Frühling mit seinen Blumen, Bienen und der damit verbundenen Fruchtbarkeit. Was passt kommt manchmal zusammen und eine gesellschaftliche Notwendigkeit verschmolz die Feierlichkeiten zum Maifest. Auch Kreuzberger - wir erlebten es neulich - klauen Maibäume, tanzen in den Mai, lachen am Freudenfeuer oder verreisen zur Walpurgisnacht auf den Brocken. Den eigentlichen Feiertag genießen sie auf dem Myfest, demonstrieren in alter Kreuzberger Manier, erholen sich schläfrig hinter dunklen Gardinen oder beim Picknick auf Brandenburgs Wiesen. Mal allein und mal in bester Gesellschaft.
Dieses jährliche Treiben ermöglicht unsere Berliner Verfassung. Die Worte „Der 1. Mai ist gesetzlicher Feiertag.“ (Art. 35. - 2) schützen diesen Tag wegen seiner Bedeutung für unsere heutige Gesellschaft.
Der Gedenktag findet seinen Ursprung am 21. April 1856 als australische Steinmetze und Bauarbeiter forderten 8-8-8:
Acht Stunden Arbeit
Acht Stunden Freizeit
Acht Stunden Schlaf.

Dafür legten sie die Arbeit nieder und liefen in einer der ersten Arbeiterdemonstrationen durch Melbourne. Neun Tage später, beim Maifest, feierten die Handwerker ihren gemeinsam errungenen Sieg. Darauf bezogen sich später amerikanische Arbeiter_innen, als sie sich 1886 in Chicago auf dem Haymarket versammelten. Sie befanden sich schon lange im Arbeitskampf und forderten den Acht-Stunden-Tag und einen angemessenen Lohn. Am 4. Mai wurde diese Versammlung aufgelöst: Nachdem die Polizei zur Auflösung aufgerufen hatte, warf ein Unbekannter eine Bombe. Die Polizei eröffnete das Feuer und Menschen starben bei der Haymarket Tragödie. Anschließende willkürliche Verurteilungen und Strafen empörten weltweit.
Zur 100 - Jahrfeier der französischen Revolution 1889 benannte die II. Internationale (ein Zusammenschluss politisch linker Parteien und Organisationen) den 1. Mai als „Kampftag der Arbeiterbewegung“ zum Gedenken an die Opfer des Haymarkets.
Von nun an wurde am Tag der Arbeit auch in Deutschland gefeiert und gekämpft. 1929 kam es in Berlin zum so genannten Blutmai. Trotz oder gerade wegen des zuvor verhängten Demonstrationsverbots kam es zu Kämpfen zwischen Arbeiter_innen und Polizei in Wedding und Neukölln. Erneut kostete der 1. Mai Menschenleben, während Arbeiter_innen für die Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse demonstrierten.
Seit den siebziger Jahren bemühen sich Ortsansässige, die Oranienstraße und das dazugehörige Umfeld denkwürdig zu gestalten und den Ihrer Meinung nach kritikwürdigen Umständen einen Ausdruck zu gewähren. Dabei nahmen und nehmen sie ihre verfassungsgegebenen Rechte und Pflichten wahr: In gewohnter Vielfalt nach Kreuzberger Art, die gelegentlich und gerne irritierte. Zwischen Chaos, Revolte und Demonstration sangen „Die Toten Hosen“ und „Die Ärzte“, bevor sie ihre heutigen Namen fanden.
„Einen Tag nach der 750 Jahr - Feier steht Berlin Kopf. In der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1987 erlebte Kreuzberg die schwersten Straßenschlachten der letzten Jahre“1  und Bolle am Görlitzer Bahnhof brannte: Der Baden-Württemberger Serienbrandstifter Armin St. hatte ein innerer Drang zum Feuerlegen bewegt. Ganz unpolitisch.
Trotzdem galt das Feuer allen Beteiligten als Zeichen: Erstmalig seit 1848 hatten Berliner die Staatsmacht aus einem Viertel vertrieben. Undenkbares war möglich geworden.

Die Zahl, der schon seit den frühen 80er Jahren anreisenden Gewalttourist_innen zum „Kampftag der Arbeiterbewegung“ stieg jährlich an. Sie entluden ihre Kraft im Schulterschluss mit kämpfenden Kreuzberger_innen gegen Polizist_innen, die Dienstliches hergeführt hatte.
Die Straßenschlachten ebbten langsam ab und verlagerten sich 2008 nach Hamburg. Dort richteten sie sich gegen rechte Demonstrationen. Einige glaubten, dass das Konzept des Myfestes funktionierte.


Bis 2009 ...


Martin Teuschel


1 Brigitte Fehrle; Taz 04.05.1987

 
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